Theater des Westens

Kantstraße 12, 10623 Berlin

Öffentliche Verkehrsanbindung:
S-Bhf.:Zoologischer Garten/Savigny-Platz
U-Bhf.: Zoologischer Garten
Bus: 149

 

26.04.1998



Stunt-Trainer Alister Mazzotti leitet die schweißtreibenden Stuntproben im Theater des Westens und sorgt dafür, daß die Kampfszenen täuschend echt aussehen

Die Kunst des Prügelns

Stunttraining im Theater des Westens: Kampfchoreograph Alister Mazzotti probt mit Darstellern des Musicals "30 60 90! - durchgehend geöffnet" den Härtefall

Ab dem 1. Mai steht im Theater des Westens das Musical "30 60 90! - durchgehend geöffnet" auf dem Programm. Brigitta Valentin, verantwortlich für die Pressearbeit, beobachtete den Stunttrainer Alister Mazzotti bei seiner Arbeit zur neuen Inszenierung.

Dreh- und Angelpunkt dieser Welturaufführung ist ein Berliner Waschsalon auf dem ehemaligen Mauerstreifen. Hier entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Pit, einem farbigen, ostdeutschen Musiker, dargestellt von Ole Solomon Junge und Petra, einer Studentin aus Bielefeld, gespielt von Anna Bolk. Bevor die beiden sich in die Arme fallen dürfen, werden sie von einer Gang aufgemischt, die im Waschsalon auftaucht. Hotte, dargestellt von Detlef Leistenschneider, der Anführer der Bande, wird bei diesem Kampf schwer verletzt. Alle verdächtigen Pit . . .

 Damit die Kampfszene im Waschsalon überzeugend wirkt, und das Publikum die ganze Bedrohlichkeit der Situation hautnah spürt, probt Alister Mazzotti, der sich auch als Kampfchoreograph bezeichnet, schon seit mehr als zwei Monaten mit den zehn Darstellern der Gang. Auch Ole Solomon Junge, Anna Bolk, Detlef Leistenschneider und Bettina Meske, die die Rolle der "Girlie" spielt, die sogar den hartgesottenen Mitgliedern der Gang in puncto Aggressivität noch etwas vormachen kann, sind dabei.

 Trainiert wird fast täglich. In den ersten Trainingsstunden testet Mazzotti die Fähigkeiten der Darsteller, denn er muß wissen, wen er wie am günstigsten einsetzen kann. Er beginnt mit Übungen zum Treten, Schlagen und Fallen und probiert diverse Waffentechniken. In der zweiten Phase, zirka nach sechs Wochen, wagt er sich an den choreographischen Teil der Arbeit, bei diesem Part arbeitet er eng mit der Tanz-Choreographin, Melissa King, zusammen. Mazzotti choreographiert die gesamte Kampfszene durch. Gerade angesichts der Tatsache, daß auf der Bühne mit gefährlichen Waffen wie Messern und Schlagstöcken hantiert wird, ist es notwendig, daß jede Bewegung "sitzt". Ansonsten bestünde die Gefahr, daß einer der Darsteller sich selbst oder jemand anderen durch eine unüberlegte Bewegung verletzten könnte.

 Die Proben sind so schweißtreibend, daß die Luft im Probenraum wie in einer Turnhalle ist, in der 100 Schüler eine Stunde lang Zirkeltraining gemacht haben. Das Probieren macht den Darstellern jedoch augenscheinlich Spaß. Nachdem sie einige Zeit lang geübt haben, sich lautstark auf den Boden fallenzulassen und ihre Fertigkeit im Umgang mit verschiedenen Waffen wie Butterflymessern und Stöcken erprobt haben, bekommen sie zum Schluß des Trainings die Aufgabe, mit einem Partner ihrer Wahl in den Clinch zu gehen. Hierzu müssen sie mit ihrem Gegenüber verabreden, wo der Schlag, den sie austeilen, landen soll, damit der Partner entsprechend auf den Angriff reagieren kann. Zur Aufgabenstellung gehört auch, daß der Angegriffene beziehungsweise der Getroffene auf den Gegner reagiert. Das kann entweder eine Abwehrhaltung sein, in einem Gegenangriff enden oder auch ein Volltreffer sein: Der Angegriffene simuliert dann ein schmerzverzerrtes Gesicht oder liegt schmerzgekrümmt auf dem Boden und stöhnt. Das alles sieht schon sehr echt und deswegen für den Zuschauer gefährlich aus.

 Der Stunttrainer korrigiert, macht Vorschläge und ruft auch mal zur Ordnung, wenn das Training aus dem Ruder zu laufen droht. Er ist jedoch ganz zufrieden mit dem bisher Erreichten und freut sich darüber, daß er bei dieser Produktion mit Darstellern zu tun hat, die fast alle eine Ausbildung als Tänzer absolviert haben und deswegen sehr gute körperliche Voraussetzungen für das Training mitbringen, nicht zimperlich sind und von den choreographischen Proben her schweißtreibende Arbeit gewöhnt sind.

 Mazzotti selbst kommt vom Florett-Fechten. Sechs Jahre lang war er Mitglied der Nationalmannschaft. Vom Sportfechten kam er zum Bühnenfechten, das er mit seinem Faible für Akrobatik verbinden konnte. Er beherrscht viele verschiedene Sportarten: Vom Reiten bis zum Inlineskating. Er arbeitet mit einem Partner zusammen, der ihn bei den Kampftechniken unterstützt. Mazzotti ist als Stunttrainer, -koordinator (derjenige, der die Stunts überwacht) und auch als Stuntman tätig. Seine Auftraggeber kommen von der Bühne, aber auch vom Film. Er arbeitet für Fernsehserien wie "AS", "Wolfs Revier", "Tatort", "Die Straßen von Berlin", "Polizeiruf 110" und "Helicops". Auch für den Film "Die letzte Chance für Harry" mit Günther Pfitzmann und Harald Juhnke und den gerade abgedrehten Film von Detlef Buck war er engagiert.

 Schwerpunkt Mazzottis sind sogenannte Bodystunts wie Anfahrunfälle, Treppen- und Motorradstürze, Stürze aus großen Höhen und Kämpfe aller Art. Einen schwereren Unfall haben er oder einer seiner Schüler noch nicht erlitten. Blaue Flecke sind jedoch für alle Beteiligten an der Tagesordnung, und es gibt auch schon mal eine Wunde zu nähen oder Zähne zu richten. Der Stunttrainer hofft, noch lange im Geschäft zu bleiben. Er erzählt von Kollegen, die auch im fortgeschrittenen Alter noch sehr gefragt sind. Voraussetzung dafür sei allerdings, daß man mit seinen Kräften haushaltet. Als Stuntdouble kann man auch noch als über 50jähriger arbeiten. Dann doubelt man natürlich Schauspieler, die etwa gleich alt sind. Denn ein 50jähriger bewegt sich anders als ein 30jähriger es tut.

 Auf die Frage, ob so jemand wie er Angst haben dürfe, antwortet Mazzotti erst einmal, er habe nur Angst davor, keine Aufträge mehr zu bekommen, wird dann aber schnell wieder ernst. Das Wort Angst, scheint ihm nicht das richtige zu sein, er spricht von Respekt und ist überzeugt, daß man davon eine ganze Menge haben muß, um seinen Job langfristig machen zu können. Er ist sich ganz sicher, daß man sich ohne den nötigen Respekt schnell verschleißt und daß ein guter Stuntman eine gesunde Balance zwischen Angst und Selbstüberschätzung finden muß. Wichtig ist das Wissen darum, daß man etwas Gefährliches macht, was auch schiefgehen könnte. Draufgänger sind in dem Metier fehl am Platz. Mazzotti hat keine Schwierigkeiten damit, Aufträge abzulehnen, deren Risiken nicht zu überschauen sind.

 Sein Partner, Michael Bornhüter, berichtet von einem Sprung, den er neulich von einem 23 Meter hohen Dach gemacht hat. Wie üblich bei Filmaufnahmen mußte er eine Zeitlang warten, bis es losgehen konnte. Kurz bevor er endlich springen sollte, fiel dem Kameramann auf, daß er noch einmal das Objektiv wechseln mußte. Von dem Moment an war Bornhüter so aufgeregt, daß er nur noch seinen Herzschlag gehört hat und sich nicht mehr beruhigen konnte. Gesprungen ist er trotzdem. Das Gefühl, heil unten angekommen zu sein, kann er nur als großen Glücksmoment beschreiben. Sowohl Mazzotti als auch er versichern glaubhaft, es gebe keine Beschäftigung, in der man so schnell Erfolgserlebnisse habe: "Man kommt heil an, und alle am Set klatschen."

"30 60 90! - durchgehend geöffnet": 1. Mai bis 2. August (Premiere 8. Mai).

 Musik: Niclas Ramdohr, Buch: Felix Huby und Heinz Kahlau, Liedtexte: Thomas Pigor. Nach einer Idee von Helmut Baumann, Regie: Helmut Baumann, Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau

 Dienstags bis samstags 20.00 Uhr, sonntags 18.00 Uhr, montags spielfrei.

 Kartenreservierung unter t 030 / 88 22 888. Kartenpreise: DM 65,- bis 18,-. Buchbar über START, CTS und Internet www.theater-des-westens.de. Informationen unter t 030 / 31903135 / -36.

Seitenkopf