10. Mai 1998

Grips für Große

Waschsalon Theater des Westens: Die Musical-Uraufführung "30-60-90: durchgehend geöffnet" ist das erste "Partner für Berlin"-Stück

VON FREDERIK HANSSEN

Gibt es ein besseres Symbol der Klassengesellschaft als die Waschmaschine? Die Feinen dürfen sich bie 30 Grad im Weichspülerwasser aalen, die Pflegeleichten werden bei 60 Grad schongeschleudert, und der Rest muß eben bei 90 Grad kochen. Wehe, wenn sich da einer in den falschen Sortierkorb verirrt: Das kann abfärben. Und meistens kommt man auch noch 'ne Nummer kleiner wieder raus.

 Die Typen, die Minchens Waschsalon in Mitte bevölkern, gehören eindeutig zur letzten Kategorie. Pit, der farbige Jazztrompeter, die von der Friseuse zur Floristin zur Computertippse umgeschulte Jaqueline, das schwule Pärchen, die Ökos und auch Petra, die frisch aus Bielefeld zugezogene Jurastudentin müssen ihre schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit waschen. Die Münzreinigung ist ihr Zweitwohnzimmer, in dem geflirtet und geprügelt, geträllert, gestritten und am Ende sogar eine Modenschau gezeigt wird. Hier trifft sich, was sozial zusammengehört und doch nicht zusammenwachsen will, hier verliebt sich die karrierebewußte Westfrau aus gutem Hause in den chaotischen Ostmann mit dem kubanischen Vater, hier aber lebt auch Hottes Halbstarkengang ihren Haß gegen den vermeintlichen Ausländer Pit aus.

 Das ist Zille sein Milljöh, anno 1998: Felix Huby und Heinz Kahlau, zwei Herren um die sechzig, haben die Probleme der Jugendlichen von heute für das neue Musical "30-60-90 Grad" im Theater des Westens in eine sing- und tanzbare Form gebracht, die Songtexte sind von dem 1956 geborenen Kabarettisten Thomas Pigor und der 31jährige Niclas Ramdohr hat ihnen einen musikalischen Stilpotpourri dazu komponiert, der der ganzen Familie Spaß macht. Dieser Multigenerationsmix ist der Trumpf der Stücks, mit dem der schwierige Spagat zwischen den unterschiedlichen Zielgruppen des Hauses von Teenie bis zum Tourie, vom Seniorenclub bis zur Schwulenfraktion gelingt. "30-60-90 Grad" ist eine deftige, handgestrickte Berliner Mischung, die gar nicht erst versucht, mit der Perfektion amerikanischer Musicals zu konkurrieren. Statt Traumfabrik gibt's Schnauze mit viel Lokalkolorit, eben Grips für Große.

 Zwar bedarf es einer Menge konstruierter Zufälle, um das ganze Personal des Stücks immer wieder in den von Mathias Fischer-Dieskau originalgetreu nachempfundenen Waschsalon zu locken, doch das stört letztlich nicht sehr, weil die meisten Szenen schnell eine Eigendynamik entwickeln. Die Gags stimmen und die Stimmungsschnitte auch: Gerade haben sich Minchen, die gute Seele des Waschsalons, und ihre Klientel bei einer Polonaise Blitzblankenese zu lateinamerikanischen Rhythmen so richtig warmgetanzt, da taucht auch schon die rechtsradikale Gang auf und macht der lustigen Randgruppenverbrüderung ein Ende. Alister Mazzotti hat die ziemlich bedrängenden Kampfszenen einstudiert, die sich aber - wir sind nun mal im Musical - immer im rechten Moment in Tanz auflösen (Choreographie: Melissa King). Ähnlich funktionieren die Liebesszenen: Immer kriegen die Autoren kurz vor der Grenze zum Sozialkitsch doch noch die Kurve, bricht eine ironische Wendung die Szene auf. Dabei dürfen die Darsteller hemmungslos in den Klischee-Schubladen wühlen: Ole Solomon Junge ist als Pit so obercool, daß ihm Anna Bolk einfach restlos verfallen muß, Dagmar Biener erspielt sich als großherzige Seelentrösterin Minchen die Publikumsgunst, die vom Schicksal herumgeschubste Jaqueline von Sylvia Wintergrün gibt sich hemmungslos vulgär, Elke Rieckhoff mutiert von der frustrierten Provinz-Mammi zum Berlinfan (und redet, als sei sie von "Partner für Berlin" gesponsort), Christian Struppeck läßt als Nachwuchsmodezar Männerherzen höher schlagen.

 Auch wenn das Stück die actionreiche Spannung des Anfangs nicht über die dreistündige Gesamtstrecke halten kann und gegen Ende über einige ziemlich tiefe dramaturgische Schlaglöcher holpert - "30-60-90 Grad" hat das Zeug zu einem echten Hauptstadtical, dem die dünne Story, die "Prinzen"-Sänger Tobias Künzel vor einigen Wochen in Leipzig bei einem vielbeachteten Uraufführungsevent sein ultimatives Nachwendemusical "Elixir" präsentierte, nicht annähernd das Wasser, geschweige denn einen Zaubertrank reichen kann.

 Mit dem scheinbar offensichtlichen Erfolg der Frühlingspremiere, die als späte "Frau Luna" wieder patriotisch Bombenstimmung macht, in der Tasche kann Helmut Baumann jetzt bei der nächsten Verhandlungsrunde um die Zukunft des Theaters des Westens dem Berliner Kultursenator Peter Radunski gelassen entgegentreten. Für weniger 23 Millionen Mark Subvention im Jahr kann man das Haus nicht bespielen, findet Baumann. Laut Kreise-Papier soll er ab 1999 aber nur noch 15 Millionen erhalten. Wenn es dabei bleibt, werden er zum Ende des Jahres seinen Hut nehmen, das hat Baumann immer wieder betont. Bis auf 20 Millionen ist ihm Radunski inzwischen entgegengekommen, auch wenn der Kultursenator noch nicht verraten hat, aus welcher geheimen Kasse er die Zusatzmillionen nehmen will. Da werden wohl auf beiden Seiten noch einige Schleudergänge zu überstehen sein.

 

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